Was bedeutet gewaltfreies und beziehungsbasiertes Hundetraining? | Match & Paw
Match & Paw

Gewaltfrei. Beziehungsbasiert.

Zwei große Worte die einfach klingen. Es aber nicht sind.

Gewaltfrei. Ein Wort, das heute fast jeder verwendet. Und eigentlich sollte es selbstverständlich sein, gewaltfrei mit Hunden zu arbeiten. Ist es aber leider nicht.

Ich bin jedes Mal aufs Neue fassungslos, wenn ich höre, was Hunde noch immer über sich ergehen lassen müssen - vom Leinenruck über Anschreien und Einschüchterung bis hin zu körperlichen Korrekturen, Essigspritzen, Würgehalsbändern und Co. Und was mich dabei besonders beschäftigt: Solche Empfehlungen kommen nicht ausschließlich von selbsternannten „Hundeflüsterern", sondern teilweise auch von ausgebildeten und sogar zertifizierten Hundetrainer:innen.

Wie kann das im Jahr 2026 noch immer so sein?

Aber dann kommen wir zu einer Frage, die gar nicht so einfach zu beantworten ist:

Ist DAS dann auch Gewalt?

  • Wenn ich meinem Hund die Krallen schneiden muss und dafür seine Pfote festhalte, obwohl er das nicht möchte?
  • Wenn ich ihn zurückhalte, weil ein Auto kommt?
  • Wenn ein Tierarztbesuch notwendig ist und mein Hund noch nicht freiwillig mitmachen kann?
  • Wenn ich einen Hund sichern oder eine Leine wechseln muss, obwohl er sich noch nicht anfassen lassen möchte?

Ich greife in diesen Situationen in seine Selbstbestimmung ein. Ich begrenze ihn. Und manchmal muss ich dafür sogar körperlich eingreifen. Ist das deshalb automatisch Gewalt?

Manchmal tragen wir Menschen Verantwortung für Entscheidungen, die ein Hund selbst noch nicht treffen kann. Ein Kind, das auf die Straße läuft, halte ich ebenfalls fest – nicht um Macht auszuüben, sondern weil ich die Verantwortung trage, es zu schützen. Auch mit unseren Hunden gibt es solche Situationen.

Wir müssen manchmal eingreifen, Grenzen setzen, Entscheidungen treffen. Und manchmal müssen wir etwas tun, obwohl unser Hund es gerade nicht möchte. Für mich macht dabei die innere Haltung einen entscheidenden Unterschied: Geht es darum, meinen Hund zu kontrollieren und unerwünschtes Verhalten möglichst schnell abzustellen? Oder übernehme ich Verantwortung, weil er gerade Schutz, Orientierung oder Unterstützung braucht?

Und auch das Gegenteil von Gewalt ist nicht automatisch eine gute Begleitung. Wenn ich meinen Hund aus Angst vor jeder unangenehmen Erfahrung von allem fernhalte und ihm keine Möglichkeit gebe, eigene Erfahrungen zu machen, helfe ich ihm damit nicht unbedingt. Auch das gehört für mich zu einer verantwortungsvollen Begleitung.

Gewaltfreiheit bedeutet deshalb nicht, dass mein Hund immer alles selbst entscheiden darf. Und sie bedeutet auch nicht, dass ich niemals eingreifen darf. Für mich geht es vielmehr darum, wie und warum ich handle.

Handle ich für meinen Hund
oder gegen ihn?

Diese Frage ist für mich ein wichtiger Prüfstein. Denn ich möchte meinen Hund nicht durch Angst, Schmerz, Einschüchterung oder Macht führen. Ich möchte ihm Orientierung geben, statt ihn zu kontrollieren. Ihn schützen, ohne ihn klein zu machen. Und ihm die Möglichkeit geben, sich zu entwickeln, statt ihn so zu formen, dass er möglichst unkompliziert funktioniert.

Das ist für mich gewaltfreies Hundetraining. Nicht Perfektion. Nicht ein Leben ohne Grenzen. Sondern eine Haltung, in der mein Hund als fühlendes Lebewesen gesehen wird.

Aber damit ist für mich noch nicht die ganze Geschichte erzählt. Denn gewaltfrei beschreibt zunächst, wie ich mit meinem Hund umgehen möchte. Die nächste Frage ist:

Worauf baue ich unser Miteinander eigentlich auf?

Beziehung. Ein Wort, das schön klingt. Aber eine Beziehung zu haben bedeutet noch lange nicht, dass diese Beziehung auch gut ist. Für mich bedeutet Beziehung nicht einfach, dass mein Hund und ich uns mögen. Beziehung ist kein Monolog, sondern ein Dialog. nicht immer perfekt, nicht immer ruhig, nicht immer so, wie wir es uns wünschen. Aber genau darin liegt für mich Beziehung. Ein Hund bringt seine eigene Geschichte mit - seine Erfahrungen, seine Bedürfnisse, seine Grenzen, seine Persönlichkeit. Und jeder Mensch bringt seine mit.

Ich bin Teil dessen, was zwischen uns passiert.

Deshalb schaue ich nicht nur darauf, was mein Hund tut - ich frage mich auch, was zwischen uns gerade passiert. Wenn mein Hund bellt, zieht, ausweicht oder nicht zur Ruhe kommt, sehe ich nicht automatisch Ungehorsam. Ich sehe es vor allem als Information und frage mich: Was versucht mein Hund mir gerade zu zeigen? Und gleichzeitig: Was passiert eigentlich gerade bei mir?

Beziehung bedeutet nicht, dass immer nur der Hund etwas lernen muss. Auch wir Menschen dürfen lernen unseren Hund besser wahrzunehmen, unsere eigene Wirkung zu erkennen, Erwartungen zu hinterfragen und herauszufinden, was unser Hund wirklich braucht.

Dabei geht es nicht darum, jeden Wunsch des Hundes zu erfüllen. Beziehung bedeutet auch nicht, keine Grenzen zu haben. Ich darf führen, Entscheidungen treffen und meinen Hund durch Situationen begleiten, die er alleine noch nicht bewältigen kann. Aber ich möchte dabei nicht permanent über meinen Hund bestimmen, weil ich stärker bin. Ich möchte mit ihm im Dialog bleiben.

Gewaltfrei ist die Grundlage.

Beziehungsbasiert ist der Weg.

Cookie Consent mit Real Cookie Banner